“Tierschutz konsequent umsetzen” – Sind die Grünen die richtige Adresse?

Am Samstag fand in Berlin ein Tierschutzkongress der Grünen Bundestagsfraktion unter dem Motto „Tierschutz konsequent umsetzen!“ statt. Dass ich mit meiner Definition von konsequentem Tierschutz nicht gerade mehrheitsfähig bin bei den Grünen, war mir natürlich im Vorfeld bewusst. Trotzdem hinterlässt der Kongress unterschiedliche Gefühle.

Vorweg: Die Grünen sind die einzige größere politische Kraft in Deutschland, die Tierschutz seit Jahrzehnten auf der Agenda hat und (mal mehr, mal weniger) an der Umsetzung dessen arbeitet. Die Tierschutzpartei leistet in diesem Bereich auch wichtige Arbeit, bleibt aber gerade auch aufgrund der monothematischen Ausrichtung realpolitisch weitgehend unbedeutend. Schließlich sind Natur-/Tierschutz sowie Tierrechte auch nicht ohne eine umfassendere Kritik am Wirtschaftssystem und seiner Ausbeutungsmechanismen denkbar. Daran fehlt es bei der Tierschutzpartei leider sehr oft. Bei den Grünen aber natürlich auch in vielen Fällen. Linke und SPD dagegen sind immer wieder dabei, wenn es darum geht, tierrechtliche Vorstöße (unabhängig ob von den Grünen oder anderen Gruppen) abzuweisen.

Zurück zum Kongress: Das Thema Tierschutz wurde in drei Teilbereiche geteilt: „Unterhaltungsfaktor Tier“ (Zirkus, Zoo, Film, Fernsehen), „Kuschelfaktor Tier“ (Haustierhaltung, Exotenhaltung) und „Tierschutz auf dem Teller“. Meinen Schwerpunkt möchte ich in diesem Artikel im dritten Bereich setzen. Bei den ersten Punkten gab es große Einigkeit und die Diskussionen verliefen sachlich. Problematisch war lediglich, dass das Thema Tierzucht nicht grundsätzlich kritisiert und als Ursache von Tierleid hinterfragt wurde. Tiere werden aus kommerziellen sowie aus nicht-kommerziellen Gründen „produziert“. Wer nicht den Wünschen und Vorstellungen der Kundinnen und Kunden (oder der Hobbyzüchterinnen und -züchter) entspricht, wird gefoltert, getötet, ausgesetzt. Tierheime sind überfüllt und stehen in fast allen Orten immer wieder am Rande der Insolvenz, weil „überproduzierte“ Tiere häufig einfach vor dem Tierheim ausgesetzt werden. Aus Mangel an Alternativen werden Tiere, die als „nicht vermittelbar“ gelten, oft schnell eingeschläfert. In diesem Bereich hätte ich mir mutigere Ziele versprochen. Schade.

Emotional und aggressiv wird es aber natürlich immer, wenn es um das eigene Schnitzel geht. Die Diskussion, ob nun vegan, vegetarisch oder ein „bewusster“ Umgang mit Fleischkonsum die richtige Ernährungsform ist, kam natürlich auch beim Kongress in Berlin schnell auf. Ich möchte jetzt aber nicht auf jede Anfeindung und jeden Nebenkriegsschauplatz eingehen. Dies schadet der Bewegung und hilft denen, für die Tierschutz und Tierrechte weiterhin Fremdworte sind. Insgesamt war die Stimmung letztlich auch überraschend entspannt. Dies hat einen simplen Grund. Dafür möchte ich jedoch etwas ausholen. Bei der Diskussion zum Thema „Tierschutz auf dem Teller“ war auch Karen Duve auf dem Podium. Duve ist Schriftstellerin und unternahm den Selbstversuch, zunächst bio, dann vegetarisch, im Anschluss vegan und schließlich frutarisch zu leben. Während sie sich vegan ernährte (heute ist Karen Duve überzeugte Vegetarierin, bemüht sich jedoch, weitgehend vegan zu leben), traf sie sich mit dem veganen Tierrechtler Achim Stößer, der in erster Linie durch seine kompromisslose „Vegetarier sind Mörder“-Haltung bekannt ist. Seine politische Überzeugung lässt keine schrittweise Veränderung hin zu einem Ideal zu. Veganismus ist die einzig ethisch vertretbare Haltung. Fertig aus. Wer lediglich VegetarierIn ist, wirft lediglich weniger Brandbomben in Asylbewerberheime, so Stößers Analogie.

Ich halte den Veganismus auch für die einzig vertretbare ethische Haltung gegenüber Tieren. Soweit stimme ich Stößer zu. Dann hört es aber auch schon auf. Die konsequente Ablehnung von Reformismus ist naiv und gefährlich. Beim Kongress in Berlin trafen sich viele Menschen, die sich darüber einig sind, dass Tierschutz in unserer Gesellschaft einen zu geringen Stellenwert besitzt. Dass die Meinungen über die Konsequenzen dieser Haltung weit auseinander gehen, ist ein nicht zu bestreitender Fakt. Daher gab es am Ende auch überraschend große Übereinstimmungen, weil sich alle einig waren, dass Veränderungen nur durch Reformen und ein breites Umdenken möglich sind. Ich finde es weiterhin furchtbar, dass eine Mehrheit der Grünen relativ unkritisch mit ihrem eigenen Fleischkonsum umgeht. Aber wenn sich die gleichen Menschen engagiert gegen Massentierhaltung, Tierversuche und Tiere in der Unterhaltungsindustrie einsetzen, dann ist das großartig und ein Gewinn für die Tiere! Enttäuscht war ich darüber, dass ein Parteifreund aus NRW der Meinung war, als VeganerIn habe man nichts auf einem Tierschutzkongress verloren, weil man doch viel mehr anstrebe, als in diesem Rahmen erreicht werden könne. Natürlich möchte ich mehr erreichen für die Tiere, als ich es in meinem gesamten Leben können werde. Trotzdem ist jeder Fortschritt besser als keiner. Radikale politische Forderungen und realpolitische Arbeit müssen sich nicht widersprechen. Sie dürfen sich nicht widersprechen! Ein naiver Glaube an eine Revolution ohne Reform und Fortschritt ohne Kompromisse stärkt die politische Gegenseite und schwächt linke Positionen.

Daher ziehe ich folgendes Fazit aus dem Kongress: Auch bei den Grünen besteht enormer Nachholbedarf im Themenkomplex Tierrechte. Aber nicht trotzdem, sondern gerade deswegen werde ich mich weiterhin bei den Grünen zu diesem Thema engagieren!

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