Das Kartell der Verharmloser: Türkenwitze statt Ermittlungen

Deutsche Behörden sind im Umgang mit rechtsextremer Gewalt nicht bloß überfordert, sondern häufig nicht gewillt, gegen die Täter vorzugehen. Zu diesem Ergebnis kommt ein Report der Amadeu Antonio Stiftung, der gestern veröffentlicht wurde. Am Beispiel von acht Bundesländern beleuchtet die Politologin Marion Kraske, wie die Polizei Rechtsextremismus konseqent verharmlost. “In vielen Städten existiert eine Kultur des Wegschauens: Die Opfer werden in ihrer Notsituation allein gelassen, die Täter hingegen erfahren Solidarisierung und können dadurch immer mehr gesellschaftlichen Raum besetzen. Wer das Nazi-Problem offen anspricht, trifft dagegen auf Abwehr, wird gar als »Nestbeschmutzer« diffamiert. Insgesamt fehlt in vielen Bundesländern eine klare Positionierung gegen rechtsextreme Gesinnung und ihre gewaltbereiten Schläger und Provokateure”, so Kraske.

In Wismar berichten Betreiber des alternativen Zentrums TIKO sogar davon, dass herbeigerufene Polizisten nach einem Nazi-Angriff “Türkenwitze” erzählen und die Angreifer mit Handschlag begrüßt werden. Der Angriff selbst wird heruntergespielt. “Das könnten auch Kinder gewesen sein.” In Chemnitz macht die Polizei den Besitzer des koscheren Restaurants “Schalom” gar selbst für den Psychoterror durch Nazis verantwortlich. “Wenn Sie ein Unternehmen mit so einem Logo führen, müssen Sie sich über so eine Aufmerksamkeit nicht wundern.” Das Opfer wird zum Schuldigen umgedeutet. Eingeschmissene Scheiben, Hakenkreuze an der Hauswand und Schweinsköpfe vor der Haustür werden als “Aufmerksamkeit” bagatellisiert.

Doch gerade im Osten Deutschlands engagieren sich zahlreiche zivilgesellschaftliche Gruppen gegen Nazis. Doch wie sieht es im Westen aus? Wie sieht es im Ruhrgebiet aus? Hier ist das Engagement gegen Nazis vielerorts noch sehr gering, obwohl Rechtsextremismus heute ein gesamtdeutsches Problem ist. “Laut einer Statistik der Amadeu Antonio Stiftung wurden allein in Nordrhein-Westfalen seit der Wende 28 Tote durch rechtsextreme Gewalt gezählt.” Dortmund ist weiterhin die unbestrittene Nazi-Hochburg in NRW.

“Die brenzlige Lage in Dortmund, die unzähligen rechtsextremen Gewalttaten im gesamten Westen der Republik beweisen also: Rechtsextremismus und der daraus resultierende Alltagsterror sind ein gesamtdeutsches Phänomen. Eines, das auch jenseits des NSU weiter existiert.”

Der Report von Marion Kraske wirft jedoch auch ein hoffnungsvolles Licht auf Dortmund. “In Dortmund [...] ist man auf bestem Wege, die Verfehlungen von einst zu korrigieren. Den Neonazis, die die Stadt terrorisieren, soll nun in gemeinschaftlicher Form Einhalt geboten werden.” WDR5 ließ sich auf Basis des Berichts sogar dazu hinreißen, die Polizeiarbeit in Dortmund gegen Neonazis als “vorbildlich” zu bezeichnen. Das erscheint nicht erst im Zuge der Diskussionen um das Antifa-Camp zynisch bis bösartig. Richtig ist, dass die Verantwortlichen in Politik, Polizei und Verwaltung nach zahlreichen Übergriffen, rassistischen Morden und einem Klima der Angst endlich eingesehen haben, dass etwas passieren muss. Aber: “Was in den neuen Bundesländern seit Jahren existiert – öffentliche Stellen, an die sich Opfer rechter Gewalt wenden können – in Dortmund fängt man damit gerade erst an. Und das in einer Stadt, die inzwischen zu den Hochburgen der Neonazi-Szene zählt.” Tja, wer das zugibt, ist im Ruhrgebiet eben auch immer noch ein Nestbeschmutzer.

Die FDP und ich: Eine späte Abrechnung

fdp_logo4Mit 13 Jahren wurde ich durch meinen großen Bruder politisiert. Begeistert berichtete er mir vom Liberalismus und seinen historischen Erfolgen. Da war es für mich völlig logisch, an meinem 14. Geburtstag im Sommer 1999 Mitglied der Jungen Liberalen (JuLis) zu werden. Denn wer auf der Seite der Freiheit steht, steht auf der richtigen Seite. Das war mir damals total klar.

Partei der Besserverdienenden? Alles Quatsch. Diese linken Miesmacher wollten doch nur gegen die Idee der Freiheit wettern. Die beteten doch alle diese Massenmörder Mao und Castro an. Zu den Linken zählte für mich im Hochsauerlandkreis auch die SPD, die bei teils nur knapp zweistelligen Ergebnissen in einigen Orten tatsächlich fast eine Art linke Splitterpartei war. So einfach konnte die Welt sein. Jedenfalls im Sauerland. Die CDU holte fast überall die absolute Mehrheit und die FDP konnte sich als einzige echte Opposition aufspielen. Ein bizarres Schauspiel. Nach kurzer Zeit bei den JuLis wurde ich zum stellvertretenden Kreisvorsitzenden gewählt. Für mich war das eine große Überraschung und mein Selbstvertrauen erhielt einen nie dagewesenen Schub. Ich fing sogar an Krawatten zu tragen und dachte über Visitenkarten nach. Verdammt, ich war 14!

Den Grund, weshalb ich so plötzlich als Stellvertreter im sechsköpfigen Kreisvorstand saß, hatte ich derzeit gekonnt verdrängt. Dabei war die “Wahl” mehr als einprägsam. Zwei Wochen zuvor gab es einige Bewerbungen für den Vorstand. Ich wollte mich als Beisitzer bewerben. Ich war ja neu, da will man nicht gleich nach den Sternen greifen. Als zwei Wochen später der Wahl-TOP aufgerufen wurde, teilte der alte (und neue) Vorsitzende mit, dass er da noch Änderungen habe. Er las alle Posten und die – seiner Meinung nach – dazugehörigen Namen vor. Ich war plötzlich als stellvertretender Kreisvorsitzender vorgesehen. Eine kurze Nachfrage gab es zu der unabgesprochenen Besetzung “von oben” noch, dann wurde der neue Vorstand einstimmig gewählt. Demokratie á la FDP. Dass das nicht die Ausnahme, sondern durchaus die Regel auf Orts- und Kreisebene war, bemerkte ich erst später. Damals dachte ich, dass ich trotz meiner Naivität und zurückhaltenden Art gewählt wurde. Erst später begriff ich, dass genau das meine beste Qualifikation war.

Gut zwei Jahre war ich als Marionette glücklich. Meine eigene Meinung wurde mir regelmäßig von Westerwelle, Möllemann und Brüderle mitgeteilt. Mit Brüderle war ich sogar fröhlich quatschend in einem SWR-Beitrag zu sehen. Heute läuft es mir bei dem Gedanken kalt den Rücken runter. Doch mit 16 merkte ich mehr und mehr, in was für einem seltsamen Verein ich da gelandet war. Ich begann eigene politische Ziele zu entwickeln. Drogenlegalisierung, die vollständige Gleichstellung homosexueller Partnerschaften sowie die Mitarbeit an antirassistischen Projekten. Das waren meine großen Themen, die für mich in der “liberalen” FDP zu kurz kamen. Mit allen Themen flog ich sang- und klanglos auf die Schnauze. Antira- und Antifaarbeit? Das benutzen Linke und Ausländer doch bloß, um sich Vorteile zu verschaffen. Ein Problem mit Rassismus gibt es doch gar nicht mehr. Diese Meinung blieb nicht unwidersprochen, aber wurde von der Mehrheit geteilt. Homo-Ehe? Adoptionsrecht? Wir müssen doch an die Kinder denken. Die werden dann doch in der Schule gemieden, wenn sie zwei Mütter oder zwei Väter haben. Liberale erziehen nicht, sondern erkämpfen die Freiheit. Und wenn es gerade opportun ist, die Freiheit für Homophobe zu erkämpfen, dann ist das eben so. Selbst beim Thema Drogen stieß ich auf Unverständnis, obwohl der JuLi-Bundesverband sich sogar die drogenpolitischen Positionen der Grünen Jugend abgeschrieben hatte. Im Sauerland herrschte weiterhin das Motto “Keine Macht den Drogen”. Und zwar in dogmatischer Härte.

Mit einem Jahr Verspätung, kurz nach meinem 17. Geburtstag, wurde ich dennoch Mitglied der FDP (ein Beitritt ist ab 16 möglich). Irgendwie hatte ich die Hoffnung, hier doch noch was bewegen zu können. Bei den JuLis hatte ich mich inzwischen zurückgezogen, stattdessen unterstützte ich die FDP-Fraktion im Mescheder Stadtrat (hier ging ich zur Schule). In erster Linie in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit und Internet. Damit war ich trotz gewisser Probleme mit der Partei recht zufrieden. Die Fraktion leistete solide Oppositionsarbeit und trat der selbstgerechten und größenwahnsinnigen CDU gern mal auf die Füße. 2004 wollte ich dann selbst als Direktkandidat in meinem Dorf antreten. Da ich der einzige aktive FDPler im Ort war, war das auch kein Problem. Dachte ich jedenfalls. Der Kreisvorstand aktivierte jedoch ohne mein Wissen eine “Karteileiche” im Rentenalter. Da kandidierte nun also ein alter Mann, der seit Jahrzehnten inaktiv war und ich guckte in die Röhre. Als ich deswegen tobte, wurde mir versichert, dass das nur ein Versehen gewesen sei. Ein Missverständnis. Ich wurde eben “vergessen”.

Ich akzeptierte das. Ein Teil von mir wollte die Version des Kreisvorstands sogar glauben. Von der Mescheder Fraktion bekam ich damals noch Rückendeckung und so raffte ich mich ein letztes Mal auf und blieb “meiner FDP” treu. Als ich im folgenden Jahr nur noch die Homepage der Mescheder FDP betreute und bis auf einige gute Bekannte in der Fraktion auch keine Kontakte mehr in die Partei hatte, erklärte ich im Januar 2006 meinen Austritt. Aus Freundschaft entschloss ich mich, die Betreuung der Homepage weiterhin ehrenamtlich zu machen. Im März 2007 zog ich dann zum Studium nach Bochum, ab Oktober engagierte ich mich hier bei den Grünen, ohne erstmal Mitglied zu werden. Trotzdem erschien es mir absurd, weiterhin eine FDP-Homepage zu administrieren. Ich schrieb der Fraktion, dass ich nun bei den Grünen aktiv sei und nicht mehr für die Administration zur Verfügung stehe. Darauf erhielt ich keinerlei Antwort. Kein Danke, keine guten Zukunftswünsche. Nichts. Niemand aus der Sauerländer FDP hat sich danach je wieder bei mir gemeldet. Bis heute.

Das war “meine FDP”

Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Und nun?

Vor sechs Wochen bin ich zum ersten Mal Papa geworden. Mit 26 Jahren ist die Jugend wohl nun endgültig vorbei. Als Langzeitstudent kann man es sich ja gut bis Mitte 30 in einer gewissen Jugendlichkeit gemütlich machen. Ein Leben zwischen Klausuren, Hausarbeiten, Partys und Wohngemeinschaften. Wirklich wichtige Entscheidungen? Fehlanzeige. Plötzlich besitzen die eigenen Entscheidungen jedoch eine unvorstellbare und unberechenbare Tragweite. Bei dieser Überlegung fiel mir das Lieblingszitat aller Adorno-Fans, Antideutschen und desillusionierten Linken ein. “Es gibt kein richtiges Leben im falschen.”

Na toll. Und nun? Ohne Verantwortung für andere Menschen lässt sich aus diesem Zitat eine prima Lebenseinstellung ableiten. Aber mit einem Kind stehen plötzlich wichtige Entscheidungen an. Impfungen, Kita, Schule. Und so weiter und so weiter. Was ist wo das kleinste Übel? Oder gibt es sogar richtige Entscheidungen? Gibt es in einer wirtschaftlich am Boden liegenden und sich systematisch selbst zerlegenden Region wie dem Ruhrgebiet überhaupt eine Zukunft für eine neue Generation? Lohnt es sich noch, sich hier etwas aufzubauen? Oder ist es nicht vernünftiger, schnell seine sieben Sachen zu packen und nach Berlin, Hamburg oder Leipzig abzuhauen? Ich weiß es nicht.

Wirklich viel Zeit bleibt mir jedoch nicht, mir darüber Gedanken zu machen. Auch beim Schreiben dieses Textes hat mich Levi etwa zehn Mal unterbrochen. Aber ich wollte es ja so. Und es ist toll! Also werde ich wohl doch nach dem richtigen Leben im falschen suchen müssen. Aussichtslos? Vielleicht. Sinnlos? Bestimmt nicht. Und vielleicht finden wir es ja sogar in Bochum. Es gibt hier ja schließlich sonst nichts mehr. Reichlich Platz für das richtige Leben also. Oder für ein Einkaufszentrum. Ach verdammt…

Die Piraten als Chance für neue Bündnisse

In der öffentlichen Wahrnehmung erscheinen Grüne und Piraten stets als Konkurrent*innen um die Gunst junger Wähler*innen. Gerade nach dem Wahlerfolg der Piraten im Saarland ist die Diskussion nicht mehr wegzudenken. Erstmals liegen die Piraten bei einer Landtagswahl vor den Grünen. Sogar deutlich. Zwar ist das Saarland nicht gerade groß, eine Symbolwirkung besitzt das Ergebnis aber natürlich trotzdem. Doch lässt man den parteipolitischen Machtkampf und die zum Teil stark unterschiedlichen Ansichten außen vor, ist anzuerkennen, dass sich mit den Piraten eine weitere linksliberale, progressive und gleichzeitig auf Nachhaltigkeit bedachte Partei etabliert hat.

Aktuell hilft dies leider in erster Linie der CDU/CSU, die aufgrund des ausdifferenzierten linken Parteienlagers als stärkste politische Kraft in Deutschland auftreten kann. Deshalb ist es wichtig, dass etablierte Parteien links der Mitte – sprich Grüne, Linke und ggf. die SPD – mehr als bisher auf die Piraten zugehen und sich kritisch und konstruktiv mit ihnen auseinandersetzen. Es ist nicht zielführend, sich ausschließlich negativ von den Piraten abzusetzen und wie der designierte FDP-Generalsekretär eine „Tyrannei der Masse“ herbei zu phantasieren oder wie die Linke nach dem Bedeutungsverlust der FDP die Piraten als neue neoliberale Gefahr zu brandmarken. Es gibt große Überschneidungen gerade zwischen Grünen und Piraten und diese gilt es durch Zusammenarbeit zu stärken. Nur so kann es auch den Piraten gelingen, sich auf breiterer Basis politisch zu positionieren und die Minderheit aus rechtsliberalen, anarchokapitalistischen, antifeministischen oder auch antisemitischen Mitgliedern aus der Partei zu drängen.

Denn ohne politische Verantwortung oder überparteiliche Bündnisse wird es schwer sein, der noch stark heterogenen Partei gemeinsame Grundwerte zu geben, auf die sich Wähler*innen der Partei dann verlassen können. Langfristig bleibt nämlich keine Partei „Protest-Partei“, die sich in den Parlamenten etablieren möchte. Wenn es also den Piraten gelingt, sich glaubhaft als neue Kraft zwischen FDP und Grünen zu positionieren und der FDP somit weiter die Existenzberechtigung in deutschen Parlamenten entzieht, wird es langfristig weitaus schwieriger für die Union, politische Verantwortung zu tragen. Denn dann liegt der Ball bei der Sozialdemokratie, die entweder Mehrheitsbeschafferin für die Konservativen spielt oder Kopf eines neuen sozialen, grünen und linksliberalen Bündnisses wird. Es bleibt interessant.

Aber die Frage, ob sich die Piraten etablieren werden, hat sich für mich geklärt. Also kann es jetzt nur heißen, aus den neuen Umständen gute Politik zu machen. Im Bündnis mit den Piraten!

Zum Geburtstag von Simone Weil

Aus aktuellem Anlass an dieser Stelle ein Artikel, den ich bereits vor drei Jahren veröffentlichte:

Am 3. Februar 2009 wäre die französische Anarchistin, Philosophin und Mystikerin Simone Weil hundert Jahre alt geworden. Außerhalb theologischer Fachkreise besitzt sie allerdings nur geringe Bekanntheit. Doch nicht nur die Mystik, auch ihr mutiges Engagement für Freiheit und Gerechtigkeit verdient Anerkennung.

“Man muss das Geld in Verruf bringen. Es wäre nützlich, dass diejenigen, die höchstes Ansehen oder sogar Macht besitzen, gering entlohnt werden. Die menschlichen Beziehungen müssen der Kategorie nicht messbarer Dinge zugeordnet werden. Öffentlich soll anerkannt sein, dass ein Bergmann, ein Drucker, ein Minister einander gleich sind.” – Nachdem Weil 1909 als Tochter wohlhabender Eltern in Paris geboren wurde und anschließend eine wohlbehütete Kindheit im jüdisch-agnostisch geprägten Elternhaus genoss, waren ihre revolutionären Ansätze kaum absehbar. Doch bereits früh interessierte sich die junge Frau für Philosophie und Politik und begann nach dem Abitur ein Studium der Philosophie in ihrer Heimatstadt.

Pazifismus und Antifaschismus

Philosophisch und politisch geprägt wurde Simone Weil bereits in der Schule von ihrem Lehrer Émile Chartier (besser bekannt unter dem Pseudonym “Alain”), der – auch aufgrund seiner Erfahrungen im Ersten Weltkrieg – zum bekennenden Pazifisten und Antifaschisten wurde und Zeit seines Lebens für mehr und direktere Demokratie sowie humanistische Werte kämpfte. Wie Alain wurde Weil schließlich auch Philosophielehrerin, verbrachte aufgrund gesundheitlicher Probleme (chronische Kopfschmerzen) jedoch nur wenig Zeit in diesem Beruf. Von den Entwicklungen in Deutschland entsetzt, entschied sie sich stattdessen, 1934 nach Deutschland zu reisen, um politisch gegen Hitler zu wirken. Sie verfasste zahlreiche Schriften gegen den Nationalsozialismus und war bemüht, linke und demokratische Parteien davon zu überzeugen, gegen Hitler zusammenzuarbeiten. Doch ihre Werke fanden nur wenig Gehör in Deutschland und wurden auch erst posthum in den Siebzigern in die deutsche Sprache übersetzt und in einer höheren Auflage veröffentlicht (Aufsatzsammlung: “Unterdrückung und Freiheit”).

Erfahrungen als Fabrikarbeiterin

Nachdem Weil enttäuscht nach Frankreich zurückkehrte, wollte sie in ihrer Heimat die Unterdrückung des großindustriellen Kapitalismus am eigenen Leibe spüren und entschied sich zum Zwecke des Erkenntnisgewinns zu einem Jahr Fabrikarbeit bei Renault. Auf dem Foto in ihrem Fabrikausweis ist die hübsche junge Frau bereits von ihrer Krankheit und der schweren Arbeit gezeichnet. Der harte Alltag bei Renault öffnete Weil die Augen für die Bedürfnisse und Nöte der FabrikarbeiterInnen und so beschäftigte sie sich in der folgenden Zeit stärker mit linken Ansätzen, fand aber weder in der Sozialdemokratie noch im Marxismus ihre politische Heimat. Das System “Staat” lehnte sie immer stärker ab und öffnete sich stattdessen für anarchistische Ideen.

“Urlaub” in Spanien

Nach dem Jahr bei Renault reiste Simone Weil zur Erholung 1936 nach Spanien, wurde dort jedoch schon bald mit den Realitäten des Bürgerkriegs konfrontiert. Durch die Philosophie Alains und ihrem Aufenthalt in Deutschland geprägt, entschied sie sich an der Seite der Anarcho-Syndikalisten gegen Franco zu kämpfen, der eine militaristisch-faschistoide Revolution anstrebte. Unter anderem auch durch die Unterstützung Nazi-Deutschlands für den faschistischen General wurden die demokratischen Kräfte schnell besiegt und Weil kehrte zurück nach Frankreich. Vor ihrer Rückkehr kam es jedoch schon zu ersten Begegnungen mit dem Christentum, die sich später in Frankreich und Italien intensivierten. Die bisher bekennende Atheistin schloss sich dem Christentum an, das sie als “Religion der Sklaven” bezeichnet. So sah sie ihre neugewonnene Religiosität auch nicht im Widerspruch zu ihrem politischen Wirken, sondern lediglich als “Neuorientierung” ihrer Lebens.

Mystik und Kopfschmerzen

Ihre chronischen Kopfschmerzen, durch die körperlichen Strapazen bei Renault und in Spanien womöglich stark verschlimmert, wurden für Weil zum Tor für mystische Erfahrungen. Durch regelmäßige Erlebnisse war sie der Meinung, in einer transzendentalen Liebesbeziehung zu Jesus Christus zu stehen. 1941 begann ihre literarisch wichtigste Schaffensphase. Sie floh vor den deutschen Besatzern nach England, wo sie 1943 im Alter von nur 34 Jahren an Magersucht starb. Ob ihre Magersucht eine Folge ihrer Kopfschmerzen war, die sie am Ende ihres Lebens immer häufiger heimsuchten, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Simone Weil verlor gegen Ende des Lebens geprägt von Unterdrückung und Rückschlägen ihren Glauben an eine gerechte Gesellschaft im Diesseits. Doch ihre Texte wurden nach ihrem Tod zum Quell der Inspiration für anarchistische und demokratische DenkerInnen. Ihr hundertster Geburtstag ist ein guter Anlass, ihr politisches Vermächtnis wiederauferstehen zu lassen.

Wahl zum 45. Studierendenparlament

Am Ende des Wintersemesters sind alle Studierenden der Ruhr-Universität wieder aufgerufen, ihre politische Vertretung zu bestimmen. Vom 23. bis zum 27. Januar wird dann das neue Studierendenparlament (kurz: StuPa) gewählt, das im Anschluss den Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) als politische Vertretung aller Studierenden benennt.

Die Grüne Hochschulgruppe ist seit Jahren stärkste Fraktion im StuPa und stellt auch seit 2009 den Vorsitz des AStA. In dieser Zeit konnten wir bereits viele Erfolge erzielen. Wir konnten an der Abschaffung der Studiengebühren mitwirken, den Anteil von Recyclingpapier auf dem Campus deutlich erhöhen, Anwesenheitspflichten in Seminaren und Vorlesungen stark minimieren, das vegan-vegetarische Angebot in der Mensa ausbauen sowie Alternativen zu Tierversuchen stärken. Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt unserer Arbeit. Neben der politischen Arbeit organisieren wir im AStA auch zahlreiche Veranstaltungen. Partys, Poetry Slams, Lesungen, Vorträge, Podiumsdiskussionen und vieles mehr.

Doch große Aufgaben liegen noch vor uns: Die Verkehrssituation an der RUB ist fatal! Durch eine Takterhöhung der U35 konnten wir die Situation bereits entschärfen, aber noch nicht lösen. Zusätzliche Shuttlebusse zwischen Uni und Hauptbahnhof sind im Gespräch. Gerade im Hinblick auf die steigenden Studierendenzahlen müssen hier Lösungen gefunden werden. Auch die Raumauslastung an der Uni ist bereits jetzt ein enormes Problem.

Wir wollen eine Uni für alle, die aber auch allen Studierenden eine gute Infrastruktur bieten kann. Dieser Herausforderung wollen wir uns auch 2012 stellen und freuen uns über Eure Unterstützung!

RUB-Mensa wird vegan

Rund sechs Millionen Menschen in Deutschland leben vegetarisch. Etwa 500.000 ernähren sich vegan, verzichten auf Milch, tierische Fette und Eiweiße. Vegetarische Alternativen sind in den Gastronomiebetrieben des Akademischen Förderungswerks (AKAFÖ) seit langem an der Tagesordnung. In der großen Mensa der Ruhr-Universität folgt jetzt auch ein regelmäßiges veganes Angebot.

Nach einigen Kundenwünschen in diese Richtung hat das AKAFÖ in der Cafeteria des Unigebäudes GB vor knapp drei Jahren vegane Speisen ins Angebot genommen. Brötchen und Bagel mit veganen Aufstrichen, Soja-Drinks und veganer Pudding können dort seitdem täglich bestellt werden. Im Mai besuchte außerdem der vegane Fernsehkoch Björn Moschinski das Team der RUB-Mensa und hielt einen Workshop zum veganen Kochen ab. Das Ergebnis wurde den Kunden am nächsten Tag im Aktionsbereich vorgestellt: Es gab ein veganes Frikassee mit Reis und Salat.

Um dem wachsenden veganen Kundenstamm beim Mittagessen in der Mensa stetiger gerecht zu werden, ist dort ab sofort mindestens einmal die Woche ein veganes Angebot auf dem Speiseplan. Hartweizen-Nudeln mit veganer Bolognese sind an der Nudeltheke täglich zu haben.

Für das vegane Angebot hat die Produktionsleitung auch den bestehenden Speiseplan noch einmal genau unter die Lupe genommen und herausgefunden, dass Gerichte wie etwa der Graupeneintopf bereits ohne tierische Inhaltsstoffe auskommen. Weitere vegane Mensagerichte, die in den nächsten Wochen auf dem Plan stehen, sind etwa: Tofupfanne „Griechischer Art“, Sauerkrauteintopf oder Chili Sin Carne.

Damit die Gerichte für VeganerInnen leicht zu erkennen sind, sind sie auf dem Speiseleitsystem im Mensafoyer und an den Ausgabetheken selbst mit einem Sonnenblumen-Symbol gekennzeichnet. Mittelfristig soll auch der Online-Speiseplan auf der Homepage so umgestellt werden, dass er vegane Gerichte anzeigt und so den Mensagang auch für diese Kundengruppe besser planbar macht.